Die Gesellschaft Ressource: Hainstraße 1

Jüdische Bildung war v.a. religiöse Bildung – bis zum Beginn der bürgerlichen Emanzipation!

Die fortschreitende Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger/innen  im 19. Jahrhundert veränderte nicht nur das jüdische Gemeindeleben, sondern auch das gesellschaftliche Leben der jüdischen Bürger/innen.

Im gesamten Bürgertum war ‚Bildung‘ ein wichtiges Abgrenzungskriterium und ein Motor der Aufklärung. In diesem Klima entstanden im deutschsprachigen Bereich ‚Lesegesellschaften‘ – wenn man so will, die Vorläufer heutiger Erwachsenenbildung. In Bamberg waren das etwa der Verein ‚Concordia‘, die ‚Harmonie‘ – und eben auch die ‚Ressource‘.

Bürgerliches Gesellschaftsleben

Die ‚Gesellschaft Ressource‘ entstand aus dem israelitischen Leseverein, den 1826/27 Rabbiner Samson Wolf Rosenfeld gegründet hatte. 1855 wurde sie mit eigenen Statuten ins Vereinsregister eingetragen: Konfessionell offen und auch Frauen waren willkommen – beides keine Selbstverständlichkeit für die bürgerlichen Gesellschaftsvereine dieser Zeit.

‚Geselliges Vergnügen‘, Tanz- und Theaterabende, Kartenspiel und Leihbücherei – das kulturelle Angebot der Ressource war vielfältig.

1877 erwarb der Verein das schon zuvor angemietete Anwesen in der Hainstr. 1 – 3. Um die Jahrhundertwende wurde hier das prächtige Vereinshaus nach den Plänen des Architekten Johannes Kronfuß gebaut. Hier war genügend Platz für große Feiern der jüdischen Gemeinde zu Chanukka und Purim, für Hochzeiten und Bälle.

Im 1. Weltkrieg wurde das Vereinshaus als Lazarett genutzt.

Am 18. Juli 1934 wurde die Gesellschaft Ressource von der Gestapo aufgelöst, das Vereinshaus in der Hainstraße wurde zum Kreishauptquartier der NSDAP. In den letzten Kriegstagen 1945 wurde das Gebäude in Brand gesetzt – allerdings weiß der FT vom 11.12.1952, dass die Akten der NSDAP feuersicher im Keller lagerten.

 

Ein Artikel von Maximilian Merkel, erschienen in der Inselrundschau (pdf-download):

Hainstraße 1-3 – Ein Ort mit Geschichte

Heute finden wir hier einen eher langweiligen Zweckbau, der nichts mit dem Charme der alten Gebäude zwischen Schönleinsplatz und Theresienhain gemeinsam hat. Und gerade dieses eher unpassende Stück Architektur lässt darauf schließen, dass sich am selben Ort – noch gute 70 Jahre zuvor – ein anderes Gebäude befunden haben muss: ein großzügiges Wohnhaus, vielleicht sogar eine noble Villa oder doch eher eine Kanzlei – bestimmt einer Bombardierung der Alliierten zum Opfer gefallen, mag man zunächst meinen.

An genau diesem Ort, an dem sich heute das Ärztehaus befindet, stand bis 1945 das private Vereinshaus der Gesellschaft Ressource. Dort trafen sich bis 1934 die an Kultur und Bildung interessierten – vornehmlich jüdischen – Einwohner Bambergs. Im Sommer 1934 beschlagnahmte die NSDAP das Gebäude und nutzte es als Kreishauptquartier. Als die Nazis gegen Ende des Krieges damit beschäftigt waren, eilig ihre Dokumente (dazu zählten ab 1938 auch sämtliche Unterlagen der Israelitischen Kultusgemeinde von Bamberg) zu vernichten, machten sie auch vor dem Gebäude nicht Halt und steckten es in Brand. Den feuerfesten Keller hatten sie dabei zwar vergessen – jedoch befinden sich die darin gelagerten Dokumente heute, weil sie ein wichtiges Beweismaterial im Prozess der Entnazifizierung darstellten, in amerikanischen Archiven.

Streben der Bamberger nach Bildung

Doch zunächst einmal alles auf Anfang. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts nimmt das Interesse des Bildungsbürgertums an Kunst, Kultur und gesellschaftlichem Leben stark zu. In ganz Deutschland kommt es zur Gründung zahlreicher Vereine. In Bamberg treten vor allem die Gesellschaft Harmonie und die Gesellschaft Concordia in den Vordergrund. Doch bereits zu dieser Zeit wird den jüdischen Bürgern eine Mitgliedschaft zu solchen Vereinen verwehrt, denn noch sind solche Zusammenschlüsse überwiegend konfessionell geprägt. Ihr gemeinschaftlicher Wunsch nach einem solchen kulturellen Unterhaltungsangebot bleibt aber weiterhin ungebrochen.

Um 1826/27 herum ist es schließlich soweit: Rabbiner Samson Wolf Rosenfeld gründet den ersten israelitischen Leseverein in Bamberg, der hauptsächlich während der Wintermonate tätig wird, um die dunkle Jahreszeit sinnvoll und „im geselligen Kreise“ zu nutzen. Wegen innerer Zwistigkeiten verlassen jedoch zahlreiche Mitglieder diesen Verein wieder, so dass es schließlich 1836 zu einer Neugründung kommt.

Die Gesellschaft Ressource

1855 wird dieser Zusammenschluss offiziell als Verein eingetragen – eine echte Besonderheit findet sich für die damalige Zeit in den Statuten, des nun als Gesellschaft Ressource bezeichneten Lese- und Kulturzirkels: Wer ein Mitglied werden möchte, muss lediglich das 18. Lebensjahr vollendet haben – somit hatten Männer und Frauen(!) verschiedenster Konfessionen Zugang zur Ressource.

Streng genommen hätte eine katholische Frau von nun an also mitten in Bamberg die Möglichkeit gehabt, problemlos über Kunst und Kultur statt Kinder, Küche und Kirche philosophieren zu können. Zu dieser Zeit treffen sich die zahlreichen Mitglieder in dem gemieteten Anwesen in der Hainstraße 1, welches sie schließlich 1877 erwerben. Knappe 30 Jahre soll es aber noch dauern, bis mit dem Neubau des Vereinshauses begonnen werden kann. Den Auftrag hierfür bekommt der Bamberger Jugendstilarchitekt Johannes Kronfuß.

30 Jahre Geselligkeit, Kultur und Tanzerei

Die schmuckvoll gestalteten und großzügig geschnittenen neuen Räumlichkeiten der Gesellschaft Ressource können 1904 bezogen und feierlich eröffnet werden. Von nun an steht die Doppelvilla mit einer eigenen Theaterbühne für Schauspiel, reichlich Platz für eine Leihbücherei, Tanzabende und erste Filmvorführungen aber auch gesellige Spielpartien bereit. Kein Quadratmeter, der nicht genutzt werden soll – und wird.

Gegen Miete steht das Vereinsgebäude aber auch für Angebote außerhalb des Vereins Ressource jederzeit offen – ein Angebot, das gerne in Anspruch genommen wird. So zum Beispiel 1912 vom Verein für die Hebung der Fluß- und Kanalschiffahrt, inklusive Prinz Ludwig von Bayern.

Das Unterhaltungsprogramm der Gesellschaft ist schon bald recht ordentlich gefüllt mit zahlreichen kulturellen Vorträgen, heiteren Theaterstücken und beschwingten Tanzabenden – klangkräftig besonders häufig unterstützt von der Kapelle Nebel.

Auch die israelitische Kultusgemeinde von Bamberg greift bis 1933 für zahlreiche jüdische Feste und Feierlichkeiten mit Vorliebe auf die Villa in der Hainstraße zurück: Gerade zu Chanukka oder Purim bieten sich die großen Räume besonders für die kleinsten jüdischen Bewohner Bambergs hervorragend zum Austoben und Herumtollen an.

Bunte Seifenblase in einer braunen Zeit

Während die NSDAP-Mitglieder und ihre begeisterten Anhänger in den 30er Jahren mit den Fackeln durch die Straßen und Gassen Bambergs ziehen, spielt hinter den Türen der glanzvollen Villa eine ganz andere Musik – zum Beispiel in Form einer Revue von Dr. Michael Wassermann oder eines Komödienabends.

Im Dezember 1932 startet die Ressource sogar ein eigenes Rundfunkprogramm – von Morgengymnastik über Chansons bis hin zu Aufführungen der Comedian Harmonists. Die Ressource folgt dem Trend der Zeit und versorgt nun kulturinteressierte Bamberger via Radio mit einem ausgewählten Programm (Abbildung).

Das Ende der Ressource kommt zwar für den Großteil ihrer Mitglieder nicht überraschend, aber es beendet den noch immer außerordentlich aktiven Pulsschlag dieses Vereins abrupt: Am 18. Juni 1934 kommt es zur Auflösung des Kunst- und Kulturvereins und der Enteignung der Vereinsvilla durch die Gestapo, die das Gebäude bis zum Kriegsende 1945 als Kreishauptquartier nutzt.

Die ehemaligen Vereinsmitglieder stehen von nun an mit ihrem gemeinsamen Bedürfnis an Kunst, Kultur und Gesellschaft sprichwörtlich auf der Straße – in einem Bamberg, in dem bereits Jahre zuvor allen Juden der Zutritt zu Kaffeehäusern, Kneipen und Hotels durch Schilder, wie beispielsweise „Juden verboten“ oder „unerwünscht“ untersagt wurde.

Neuanfang vor dem Ende

Erst im Dezember 1935 kann die jüdische Gemeinde ein neues Gemeinschaftshaus ausfindig machen und erwerben: Das –später zum ghetto umfunktionierte – Gasthaus Weiße Taube im Zinkenwörth. Für knapp zwei Jahre haben die jüdischen Bürger wieder einen Treffpunkt im öffentlichen Leben.

Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November bringt 1938 mit zahlreichen Brandanschlägen und Verwüstungen letztendlich auch das verbliebene jüdische Leben in Bamberg zum Erliegen: Die prachtvolle Synagoge, die erst 1910 feierlich eingeweiht wurde lag in Schutt und Asche, und die Weiße Taube wurde in dieser Nacht schwer verwüstet.